Klappe halten und zuhören

Zuhören ist gar nicht so einfach. Zuhören bedeutet zunächst einmal, seine eigene Aufmerksamkeit einer anderen Person zu schenken. Einfach mal den eigenen Gedanken Einhalt gebieten und die Sinne auf Empfang stellen. Das alleine ist eine Herausforderung. Wir sind doch ständig damit beschäftigt, über irgend etwas nachzudenken. Sei es ein schwieriges Projekt im Job, ein Konflikt mit der Partnerin oder dem Partner. Und vielleicht hat auch einfach mal wieder der falsche Verein gewonnen. Ok, letzteres interessiert mich jetzt weniger, aber es gibt da draussen viele Menschen, die sich mit Herzblut «Fans» nennen.

Wir sind ständig absorbiert von unseren eigenen Anliegen, Vorlieben, Gedanken und Gefühlen, da ist es gar nicht so einfach, sich ganz auf jemanden anderes einzulassen. Wann haben Sie das zuletzt erlebt, dass Sie sich von einer anderen Person so richtig wahrgenommen und ernstgenommen gefühlt haben? Fällt Ihnen eine Begegnung ein, die in der vergangenen Woche oder im vergangenen Monat stattgefunden hat, dann gehören Sie zu den Glücklichen, die Menschen um sich haben, die sich so richtig für Sie interessieren und sich selber auch mal zurücknehmen können. Das freut mich sehr! Bestimmt wissen Sie dann, wie  gut das tut. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie in besagtem Gespräch einen Schritt weitergekommen sind, einfach nur, weil Ihnen jemand so richtig zugehört und ehrlich interessierte Fragen gestellt hat. 

 

Ich, ich – äh nein, also du

Gehören Sie aber nun zu denjenigen, die in den vergangenen Monaten keinem Menschen begegnet sind, der offen und ehrlich zuhört, dann gehören Sie wohl zur Mehrheit der Bevölkerung. Die Frage sei hier erlaubt: Haben Sie denn in den vergangenen Monaten jemandem so richtig zugehört? Ohne dass sich in Ihrem Kopf bei den ersten Stichworten des Gegenübers gleich die eigenen Geschichten ausbreiteten? Ich kenne das von mir selber auch. Da erzählt mir jemand von schwierigen Momenten mit den Kindern, schon fallen mir meine eigenen Herausforderungen mit dem Nachwuchs ein. Und flugs, ist meine Aufmerksamkeit nicht mehr voll beim Gesprächspartner, bei der Gesprächspartnerin, sondern bei mir selber. Anstatt dass ich meinem Gegenüber zuhöre und in seiner Erlebenswelt bleibe, interpretiere ich meine eigenen Erfahrungen hinein. Es kommen dann Ratschläge wie: «Also ich finde das....», «Bei mir funktioniert...», «Da kommt mir gerade in den Sinn...». Würden wir aber ganz beim Gegenüber bleiben, müsste das eher so klingen:  «Wie genau machst du das denn?», «Was sagst du dann?», «Ich habe gehört, dass du gesagt hast...».

Für die erzählende Person macht dieser feine Unterschied enorm viel aus. Im zweiten Fall darf sie sich auf sich selber konzentrieren und genau erforschen, was ihr wichtig ist, wohin sie gehen will. Im ersten Fall erfährt sie, wie es anderen geht und was andere in derselben Situation tun würden. Das kann zweifellos auch hilfreich sein. Aber Erkenntnisse, Lösungen, die man selber entwickeln durfte, sind in der Regel nachhaltiger und zufrieden stellender, als wenn man sich für eine Lösung einer anderen Person entscheidet. 

 

5 oder 10 Minuten können schon reichen 

Versuchen Sie es doch einfach mal. Hören Sie jemandem aus Ihrem Freundeskreis oder am Arbeitsplatz voll und ganz zu. Versuchen Sie – ohne zu werten! – zu verstehen, wie er oder sie tickt, wie seine/ihre Welt aussieht und welche Werte und Bedürfnisse sie oder er hat. Wie das geht?

1. Stellen Sie eine Frage, die Sie wirklich interessiert. «Was interessiert dich am FC St.Gallen?», «Was macht dich gerade so wütend?», «Wie ist deine Sicht auf das Projekt?»

2. Hören Sie ganz genau zu.

3. Vergewissern Sie sich durch konkretes Nachfragen, ob Sie die Person richtig verstanden haben und wähnen Sie sich nicht in einer trügerischen Sicherheit.

4. Bedanken Sie sich für die Offenheit. 

Fünf oder zehn Minuten können schon reichen. Wenn es Ihnen gelingt, Ihre eigenen Gedanken bei Seite zu schieben und ganz bei der Person zu bleiben, werden Sie eine neue Gesprächsqualität erleben. Es wird Ihnen helfen, die Person in ihren Anliegen besser zu verstehen. Im besten Fall entsteht eine ganz neue Offenheit in der Beziehung mit der Person. Und dem Gegenüber tut es bestimmt gut, gehört zu werden. Manchmal reicht das schon, um eine schwierige Situation zu entschärfen. Und ich bin fast sicher, dass sich die Person bemühen wird, auch Ihnen ganz genau zuzuhören. 

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